Ehemaligenbericht von Lukas Flesch, Abitur 2018

Zusammenfassung, wenn der Text zu lang zum Lesen erscheint (Too long to read): Das Herder-Gymnasium ist ein förderndes und forderndes Gymnasium. Exzellenter, anspruchsvoller Unterricht bereitet perfekt auf ein naturwissenschaftliches Studium vor und macht Spaß, da alle am Ende ganz normale Menschen sind.

 

Ich glaube, dass es unmöglich ist, acht Jahre Schulzeit in einem Ehemaligenbericht komplett zusammenzufassen. Ich will es trotzdem versuchen:

Ich war auf dem Herder-Gymnasium ab der fünften Klasse bis zur Oberstufe, also acht Jahre lang. Ich war im mathematisch-naturwissenschaftlichen Profil, hatte also zusätzlichen Mathematik- und naturwissenschaftlichen Unterricht. Das ist aber aus meiner Sicht nicht der einzige Vorteil gewesen. Denn durch das Aufnahmeverfahren saß ich von der fünften bis zur zehnten Klasse (danach wurde das Klassengefüge durch Oberstufenkurse ersetzt) mit ähnlich motivierten, ähnlich denkenden und intelligenten Menschen in einer Klasse. Das bedeutet nicht, dass wir alle Nerds waren und uns in den Pausen über chemische Gleichungen unterhalten haben; vielmehr war das Gegenteil der Fall: Wir waren in meiner Wahrnehmung eine ganz normale Klasse; der eine hat sich mehr für Mathe interessiert, der andere mehr für Fußball, die eine ist bestens in Chemie mitgekommen, die andere hatte ein großes zeichnerisches Talent. Erst in der Oberstufe und in der Uni habe ich gemerkt, dass wir eben doch alle ein gewisses Interesse für Mathematik und Naturwissenschaften haben - und das es sehr gutgetan hat, in diesem Verbund zu lernen.

 

Ich studiere momentan im dritten Semester Informatik und möchte daher an dieser Stelle noch auf den fachlichen Aspekt eingehen. Den kann ich am besten für den Informatik- und Mathematikunterricht bewerten.

Der Informatik-Unterricht beginnt am Herder-Gymnasium mit dem Wahlpflichtfach in der neunten Klasse. Den habe ich gewählt, da ich mich schon damals sehr für Informatik interessiert habe. Das Wahlpflichtfach habe ich dann bis zur zehnten Klasse belegt. Ein großes Thema war die objektorientierte Programmierung in Java, die sehr gründlich behandelt wurde. Da diese in der Universität (und im Berufsleben) ebenfalls eine große Rolle spielt, ist dies aus meiner Sicht ein geeigneter Schwerpunkt. Daneben wurden noch Datenbanken mit SQL und technische Informatik behandelt, sodass ich rückblickend bereits am Ende der Mittelstufe (also am Ende der zehnten Klasse) einen guten Überblick über die Themen, die auch im ersten Semester des Informatik-Studiums drankommen, hatte. In der Oberstufe war ich dann im Leistungskurs-Informatik. Allein die Existenz eines solchen ist etwas Besonderes, nicht nur innerhalb von Berlin, sondern auch im Vergleich zu anderen Bundesländern, z.B. auch Bayern. Wir haben dann die objektorientierte Programmierung und Modellierung sowie Datenbanken mit SQL vertieft, funktionale Programmierung ausführlich behandelt und Assemblerprogrammierung gelernt. Dazu gab es Abschnitte zu Theoretischer Informatik und am Ende ein größeres Projekt, das wir in kleineren Gruppen bearbeitet haben, sodass wir auch noch Aspekte des Software Engineering sehen konnten.

Diese Breite und Tiefe der Themen hat uns damit nicht nur einen guten Einblick in die verschiedenen Ebenen der Informatik gegeben (von einzelnen Gattern im Nanometer-Bereich, über den Aufbau komplexerer Schaltnetze und die "technische" Assemblerprogrammierung, bis zu hohen Programmiersprachen und Datenbanken), sondern auch noch bei mir bis ins vierte Semester (also praktisch im gesamten Bachelor-Pflichtprogramm) einen deutlichen Wissensvorsprung gegenüber meinen Kommilitonen. Es war dabei nicht nur das deutlich größere Wissen von "harten Fakten", sondern auch die Erfahrung, in verschiedene Bereiche der Informatik einen Einblick (und mehr) bekommen zu haben. Der Informatikunterricht am Herder-Gymnasium war für mich ein wirklicher Joker im Studium.

 

Neben dem Informatikunterricht, der natürlicherweise für mein Studium eine besonders hohe Relevanz hat, hat mir der Mathematikunterricht nicht nur viel gebracht, sondern vor allen Dingen auch eine Menge Spaß gemacht. Durch den Profilzweig konnte ich bereits seit der fünften Klasse mehr und, durch die besondere Klassenzusammensetzung und bessere LehrerInnen, intensiveren Matheunterricht erhalten. In der Oberstufe gab es dann einen speziellen Mathematik-Leistungskurs als Fortführung des Profilzweiges, und zusätzlich zwei Halbjahre einen weiteren Mathematik-Kurs, mit dem wir zwei Mathematik-Scheine für die Uni bekommen konnten.

Natürlich hat der Unterricht mehr "Fakten" vermitteln können, also z.B. was der euklidische Algorithmus ist. Das aus meiner Sicht wesentlich wichtigere war aber, das mathematische, logische Denken: Das bringt einem sicherlich einen großen Vorteil bei einem (naturwissenschaftlichen) Studium, ändert aber auch im Alltag das Denken. Ich glaube, dass zum Beispiel das kritische Überdenken von Argumenten dadurch auch verbessert wird. Der Mathematik-Unterricht hat uns in dieses Denken sehr früh eingeführt: Von einfachen geometrischen Beweisen über schwierigere Themen wie das Arbeiten mit Funktionen, Sinus und Cosinus bis hin zu Stetigkeit, Differenzierbarkeit und Integrierbarkeit. Dabei ging es nie um das reine Lernen von Formeln (was bringt das denn?), sondern stets um das Verständnis, das Gefühl für die Strukturen. Damit ist Mathematik keine Sammlung von Formeln, die man schrittweise kennenlernt, sondern die kontinuierliche Weiterentwicklung, Verallgemeinerung und Anwendung von Konzepten und Ideen. Durch den aufeinander abgestimmten Unterricht hat es Spaß gemacht, diese Entwicklung über mehrere Jahre, didaktisch großartig aufbereitet, kennenzulernen.

 

In der Oberstufe konnten wir dann wie üblich verschiedene Kurse wählen. Neben den bereits erwähnten Leistungskursen Mathematik und Informatik sowie den Standard-Grundkursen Deutsch, Englisch oder Geschichte möchte ich auf zwei aus meiner Sicht besondere Kurse eingehen: Politische Wissenschaften (PW) und Darstellendes Spiel (DS):

In der Mittelstufe war ein kleiner Teil des Geschichtsunterrichts Politik- und Sozialkunde. Dies war aber kein Vergleich zu dem PW-Kurs bei der Oberstufe, bei dem wir in vier Semestern die Grundlagen der politischen Systeme kennenlernen konnten. Dabei ging es nicht nur um aktuelle Politik, sondern auch die historische Entwicklung zu dieser. Mein Lehrer hat es geschafft, die Grundlagen der aktuellen politischen Systeme, das politische Denken, in "ihrem Kern" zu behandeln, sodass sich dieses Wissen relativ leicht auf andere politische Themen ausweiten lässt. Ich glaube auch, dass ich noch immer von einer geschärften politischen Denkweise profitiere.

Der zweite Kurs, auf den ich hier eingehen möchte, ist Darstellendes Spiel (DS). In dem Kurs ging es darum, über die zwei Jahre Oberstufenzeit ein Theaterstück zu entwickeln und dabei das Theaterspielen zu lernen. Um offen zu sein, bin ich mit der Lehrkraft nicht gut klargekommen. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass es keine Schule gibt, bei der die Schüler mit jeder Lehrkraft gleich gut zurechtkommen. Am Ende der Oberstufenzeit war ein Sprachtrainer (übrigens ein Ehemaliger der Schule) bei uns im Kurs. Mit ihm bin ich hervorragend klargekommen und habe viel über die Wichtigkeit von gutem Sprechen, und wie man es umsetzt, gelernt. Ganz nebenbei hat der Kurs mir mehr Selbstbewusstsein beim Auftritt vor großem Publikum gegeben. Es gibt übrigens auch einen Kunst-Leistungskurs, sodass auch künstlerisch begabte (zu denen ich definitiv nicht zähle) und interessierte Schüler an dieser tollen naturwissenschaftlich geprägten Schule in der Oberstufe ihren Interessen nach gehen können.

 

Das Arbeitspensum ist wohl insgesamt höher als an anderen Schulen, aber es ist nicht nur machbar, sondern es bleibt auch noch Zeit für Freizeitaktivitäten. Und die Arbeit macht einem oft Spaß, es hat eher wenig Spaß gemacht, wenn im Unterricht zu einfache und zu kurze Aufgaben waren.

Neben dem Unterricht gibt es an der Schule noch viele Arbeitsgemeinschaften. Ich konnte in mehreren mitmachen: In der Mathematik-AG "UnbeZahlbar" haben ein weiterer Mitschüler, eine Lehrerin der Bonhoeffer Grundschule, mein Mathematik-Lehrer (der mich neben dieser Arbeitsgemeinschaft über viele Jahre im Mathematikunterricht begleitet hat und das Wissen konsistent vermittelt hat) und ich mit begabten SchülerInnen Mathematikunterricht gestaltet. Die Arbeit in diesem Vierer-Team hat nicht nur unfassbar viel Spaß gemacht, es war auch eine sehr wertvolle Erfahrung, in die Position als Lehrender zu schlüpfen.

Über viele Jahre war ich auch in der Web-AG, die die Schul-Website redaktionell und vor allem technisch betreut hat. Das Großartige an dieser AG ist die Möglichkeit, neue Sachen zu lernen, sie auszuprobieren und das Ergebnis dann gleich in der Praxis sehen zu können. Dabei gab es immer einen Ansprechpartner bei Problemen, sei es ein anderes Mitglied oder der Leiter der AG. Ich habe noch heute Vorteile durch das Verständnis von Web-Technologien, sei es im Informatik-Studium oder im Alltag.

In zwei Schuljahren habe ich im Schul-Team für den Programmierwettbewerb ZeroRobotics teilgenommen. Dies hatte auch das Format einer Arbeitsgemeinschaft. Im Wettbewerb ging es darum, einen Mini-Satelliten für eine Aufgabe im All zu programmieren, bei der gegen jeweils einen anderen Satelliten gespielt wurde. Die Wettbewerbsrunden fanden zunächst in Simulationen statt, als wir in das Finale einzogen sind, wurde dann unser Programm sogar auf echten Mini-Satelliten auf der ISS ausgeführt. Dabei sind wir als ganzes Team nach Brüssel zu einem ESA-Kontrollzentrum gefahren und haben auch noch etwas Sightseeing in Brüssel gemacht. Ich habe nicht nur viel über das Programmieren und Arbeiten in Teams allgemein gelernt, sondern auch viel Spaß daran gehabt, im Team gemeinsam noch kurz vor Abgabeschluss nachts die letzten Probleme zu lösen und dabei mit unseren Allianzpartnern in den USA und Italien zu telefonieren.

 

Die Qualität der LehrerInnen ist vermutlich für die SchülerInnen, besonders aber für die Eltern, wichtig. Also, wie waren die LehrerInnen am Herder-Gymnasium im Vergleich zu anderen Schulen? Diese Frage kann ich nicht beantworten, weil ich niemals im Unterricht an anderen Schulen anwesend war. Ich weiß aber aus meiner eigenen Erfahrung, dass Geschichten über LehrerInnen oft dramatisiert und verkürzt werden; ich würde also weder dramatische Erzählungen über LehrerInnen am Herder-Gymnasium noch von anderen Schulen allzu viel Gehör schenken. Das, was ich berichten kann, ist, wie die LehrerInnen für mich als sehr guten, naturwissenschaftlich orientierten Schüler waren: Praktisch alle LehrerInnen waren gut, kannten sich in ihren Fächern aus und konnten gut Unterrichten. Es gab sehr wenige LehrerInnen (man braucht wohl weniger als eine Hand, um sie zu zählen), die sich nicht in ihrem Fach auskannten oder nicht unterrichten konnten. Diese Ausnahmen gibt es aber wohl an jeder Schule. Einige LehrerInnen waren großartig, jeweils auf ihre ganz eigene Weise: Mein Mathematiklehrer hat mich über fünf Jahre unterrichtet, hat ruhig Mathematik erklärt und besonders das gewisse Extra-Gefühl für Strukturen geschult, und war abseits vom Unterricht weder um Spaß noch um Diskussionen um gesellschaftspolitische Themen verlegen. Diese Einflüsse möchte ich nicht missen. Einige Referendare haben es geschafft, ihre Pädagogik gut zu erklären und frischen Wind reingebracht, andere sind in "Pseudo"-Unterricht abgeschweift (wirklich geschadet hat es eigentlich nie). Selbst die wenigen LehrerInnen, von denen ich persönlich nicht viel halte, haben es geschafft, ihren (positiven) Einfluss zu haben. Mein Informatik-Lehrer hatte immer eine begeisterte Stimmung, wenn wir Konzepte verstanden haben (oder als ich ihn nach der Oberstufe beim Berliner Halbmarathon getroffen habe). Insgesamt glaube ich, dass eine fordernde Schule fachlich (und damit auch didaktisch) bessere LehrerInnen anzieht, es aber auch wie im echten Leben ist: Es gibt auch einfach Idioten. Mir fallen aber kaum Punkte ein, in denen ich die Lehrerschaft ändern würde, und das ist das vielleicht wichtigste.

 

Am Ende dieses Berichts bleibt, in den Worten meines Mathematiklehrers, die Quintessenz, dass ein gutes Pferd nur so hoch springt, wie es springen muss. Am Herder-Gymnasium werden höhere Ansprüche gestellt als an anderen Schulen, die SchülerInnen müssen also auch mehr Leistung abrufen. Dabei werden sie in einer schönen Schulatmosphäre eben gefordert und auch besser als an anderen Schulen gefördert.

Im dritten Semester saß ich in einer Mathematik-Vorlesung und habe mit einer Kommilitonin über das Vorwissen zu dem Thema gesprochen. Ich hatte es in der Schule gelernt, sie nicht. Sie meinte: "Du warst auf einer besonderen Schule." Wie recht sie hat.

Lukas Flesch (Ehemaliger Schüler)

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